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Zeugen menschlicher Tragödien

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Zeugen menschlicher Tragödien

Jahrhunderte alte Steine erinnern an längst vergessene Schicksale

Bericht der NW Bünde am 24.05.2008 von Andrea Rolfes (Foto: Patrick Menzel)

Der Zahn der Zeit nagt an allem. Was bleibt, wenn der Mensch verstorben ist, sind die Erinnerungen. In Bünde zeugen zwei unauffällige, Jahrhunderte alte Steine von tragischen Unglücksfällen. Einer gedenkt des Todes eines zehnjährigen Jungen, der am 24. Mai 1883 vor den Augen seines Vaters vom Blitz erschlagen wurde. Aus Liebe zu ihrem Sohn stellte die Familie vor 125 Jahren einen 1,20 hohen Sandstein am Rand eines verlassenen Feldweges auf. Unscheinbar und den meisten Bündern vermutlich unbekannt, ist die Inschrift Spiegel einer tiefen, längst vergessenen Trauer.

Stein im BarrenbruchAuf dem Foto betrachten Daria Moning (8 Jahre) und Adriana Anzalone (6) den Gedenkstein, den die Familie Große-Wortmann vor 125 Jahren an diesem Feldrand aufstellte.

Nicht weit vom Elseufer entfernt, in der Nähe des Barrenbruchweges, soll er nach Informationen des Stadtarchivs stehen. Doch wer hier den Stein sucht, der an den Tod von August Große-Wortmann aus Südlengern erinnert, sieht nur Wiesen, Felder und Pferde. Wären da nicht die achtjährige Doria Moning und ihre Freundin Adriana Anzalone (6 Jahre) gewesen, die für ihre Meerschweinchen am Wiesenrand Löwenzahn pflückten, wäre der Stein wohl auch von mir unentdeckt geblieben. Ich erzähle den Mädchen, wonach ich suche. Die Beiden überlegen, nicken und führen mich über schmale Pfade, bis die Gedenkstätte im kniehohen Gras zu erkennen ist.

Verwittert, vom Regen und der Kälte aufgesprungen ist die Inschrift kaum noch zu lesen. Doch mit Hilfe des Stadtarchivs und des historisch interessierten Willi Fleddermann gelingt es, die Buchstaben zu entziffern.

„Allein Gott in der Höhe sei Ehr“ ist in einem Bogen eingeritzt. Darunter befindet sich ein Kreuz. Dann folgen Worte, die noch 125 Jahre nach dem Tod des Jungen erschauern lassen: „Mein Gott mit deinem Wetterstrahl verschone gnädig alzumal mein Haus, die dort gehen aus und ein, wollst uns im Wetter gnädig sein“, bittet der Vater, der den Unglücksfall für die Nachwelt in Stein gemeißelt festhält. Laut Inschrift kam sein Sohn mit den Kühen von der Weide und befand sich auf dem Heimweg, als es zu Gewittern begann. „Ich, Vater folgte ihm auf 100 Schritte nach und da ich meine Augen aufhob lag alles auf der Erde. Ich nahm ihn auf, rief mein Kind was fehlt dir, doch er blieb stumm – todt. Ich legte ihn auf meinen Schoss und bittere Thränen flossen mir von den Wangen.“

Stein in Ennigloh

Willi Fleddermann, der in Südlengern aufwuchs und zur Schule ging, war der Gedenkstein bereits als Kind aufgefallen. „Ich war schon damals neugierig, was er bedeuten könnte,“ erinnert er sich. Dass es sich um einen Grabstein handelt, erfuhr er erst kürzlich, als er für die Internetseite "www.suedlengern-aktiv.de" nach interessanten Geschichten suchte.

In diesem Zusammenhang wurde der Südlengeraner auch auf einen zweiten Stein aufmerksam. Ein Granit-Kreuz, das an der Ecke Holzhauser Straße/Am Kreuzstein an einen Mord an zwei Brudern erinnert. Auch hier ist die Inschrift kaum noch zu entziffern. Dank Archivbildern ist jedoch bekannt, dass einst deutlich geschrieben stand: „1622 haben sich hier verletzt Fritz und Karl Losiger.“ Stadtarchivarin Petra Seidel schließt aus den Namen, dass es sich um Bünder Brüder gehandelt haben muss, die in Zeiten des 30-jährigen Krieges getötet wurden. „Viel mehr lässt sich leider nicht mehr sagen“, so Fleddermann. Doch, wer die Steine betrachtet, wird stets an beide Unglücke erinnert.

(Neue Westfälische Bünder Tageblatt,
Samstag 24. Mai 2008)

Mit der Sense aufeinander losgegangen

Als der obige Artikel in der NW Bünde erschienen war, rief Hans-Walter Röhr bei Willi Fleddermann an. Zum Mord am Kreuzstein konnte er ergänzen, dass die beiden Brüder - wie im Ort erzählt wurde - im Streit mit Sensen aufeinander losgegangen waren und so gemeinsam ums Leben kamen.